Bei der diesjährigen Gedenkfeier am Bunkerbogen im Mühldorfer Hart ergriffen auch zwei Schüler des Garser Gymnasiums das Wort. Dieser Redebeitrag ist jedoch nur ein Nebenprodukt eines viel umfassenderen Projekts: des P-Seminars „Schüler führen Schüler“. Dieses Seminar feiert in diesem Schuljahr ein Jubiläum: Zum zehnten Mal fanden sich am Gymnasium Gars genügend Schüler, die dieses P-Seminar gewählt haben. Es ist eine Erfolgsgeschichte in Zusammenarbeit mit dem Verein „Für das Erinnern“.
Die Anfänge des Seminars gehen zurück auf die Oberstufenreform im früheren achtjährigen Gymnasium, die ab 2009 griff. Die Wahl von zwei Seminaren in der Oberstufe wurde obligatorisch: ein W-Seminar, in dem das wissenschaftliche Arbeiten erlernt und in einer entsprechenden Hausarbeit eingeübt wird, und ein P-Seminar, in dem in Kooperation mit einem externen Partner ein praktisches Projekt umgesetzt wird. Franz Langstein vom Verein „Für das Erinnern“ hatte den neuen Lehrplan offenkundig genau gelesen.
Er fragte die Fachleitungen der drei Landkreisgymnasien, ob man nicht in Kooperation mit dem von ihm geleiteten Verein in historischen P-Seminaren Projekte zum Erinnern an die Verbrechen der Nazi-Zeit in der Region durchführen könne. So entstand in der Folge an allen drei Schulen eine Reihe von Projekten zur Auseinandersetzung mit diesen dunklen Jahren der Landkreisgeschichte.
Am Gymnasium Gars war es Studiendirektor Martin Göller, der die Idee aufgriff
und das P-Seminar „Schüler führen Schüler“ ins Leben rief. Die Idee dahinter ist, dass Schüler, gestützt auf den Verein „Für das Erinnern“, mit einem möglichst breiten Hintergrundwissen ausgestattet und in spezifischer Rhetorik trainiert werden, damit sie auf dieser Basis dann eigenständig Führungen am Bunkerbogen durchführen können. Im ersten Teil des Seminars findet eine ausgedehnte, fast ganztägige Führung durch Fachleute des Vereins zu allen relevanten Gedenkstätten in der Region statt. Das erworbene Wissen wird im Seminar und durch das Studium einschlägiger Fachliteratur vertieft. Am Ende steht eine Prüfungsklausur. „Es ist ganz erstaunlich“, so Göller, „welchen Umfang und welche Tiefe an Wissen sich die Seminarteilnehmer regelmäßig aneignen!“ Auch wenn nur ein Bruchteil der Informationen zu den örtlichen Gegebenheiten, zur Lagerstruktur, den Arbeitsbedingungen und Überlebenschancen später bei den Führungen zum Einsatz kommt – es ist das solide Fundament, auf dem eine kompetente Führung fußt.
Die jungen Leute arbeiten ihre eigene Führung mit für sie authentischen Methoden aus. Sie verzichten dabei bewusst auf viele Jahreszahlen und eine Faktenüberfrachtung, denn sie müssen am besten wissen, wie man junge Zuhörer für sein Thema gewinnt, anstatt sie zu langweilen. Auf jeden Fall gibt es für Nachfragen genügend Hintergrundwissen. Ferner wird die erforderliche Rhetorik geschult: Was ist mein erster Satz? Wie beende ich markant die Führung? Auch: Wie gehe ich mit Führungsteilnehmern um, die die Verbrechen des NS-Regimes relativieren oder gar leugnen oder der Meinung sind, dass es nun langsam ein Ende haben sollte mit dem Erinnern? Am Ende stehen eine benotete „Prüfungsführung“ und ein Zertifikat des Vereins „Für das Erinnern“.
Zum zehnten Mal konnte Martin Göller Schüler für diese bewährte und erfolgreiche Seminarform gewinnen. Eine Reihe der jungen Leute, die teilgenommen haben, bleibt dem Verein als Führer erhalten. Andere verlassen im Zuge ihrer weiteren Ausbildung die Region, bleiben aber trotzdem wertvolle, in die Gesellschaft hineinwirkende Multiplikatoren für die Thematik – und manche finden sogar ihren Studiengang und ihren Beruf als Historiker. Das jüngste Seminar hat allerdings unter veränderten Rahmenbedingungen stattgefunden, erklärt Göller. Das achtjährige Gymnasium ist bereits wieder Geschichte und das neue G9 hat im Zuge der nächsten Oberstufenreform das P-Seminar zwar beibehalten, aber in die elfte Klasse vorgezogen, sodass die erzielten Leistungen nicht mehr für die Abiturprüfung zählen.
Auch die früher geübte Praxis, dass die neu ausgebildeten Führer ihre Schulkameraden aus den zehnten Klassen durch die Gedenkstätte führen, konnte nicht beibehalten werden. Nun muss sich jeder per Einladung seine eigene Gruppe zusammensuchen, was aber, so Göller, gar nicht schlecht funktioniere: „Durchaus größere, altersmäßig bunte Gruppen mit Kindern, jungen Leuten sowie Eltern und bis zu Omas und Opas nehmen nun an den Führungen teil. „Insofern darf man annehmen, dass das P-Seminar „Schüler führen Schüler“ als Erfolgsmodell die Oberstufenreform überleben wird. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu. Seit Jahren fahren die neunten Klassen des Gymnasiums in die Gedenkstätte Dachau. „Doch nach der Rückkehr ist das Ganze dann doch schnell wieder relativ weit weg“, so der Geschichtslehrer. Nach seiner nunmehr langjährigen Erfahrung „hinterlässt die ganz unmittelbare Begegnung mit den Gedenkorten vor der eigenen Haustür einen viel tieferen und dauerhafteren Eindruck bei den jungen Leuten, sowohl bei den Führen den als auch bei den Geführten, nicht zuletzt dadurch, dass man von einem sachkundigen Mitschüler auf ganz persönliche Weise an die Themen herangeführt wird.
Herzlichen Dank an Herrn Fuchs für die Bereitstellung des Artikels und des Fotos